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  Wissenswertes zur Finanzkrise

   Vortrag von Ulrike Dierkes-Morsy

 

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Hätte man vor 12 Monaten eine Umfrage gemacht und die Frage gestellt: Welche Krisen oder Ereignisse, im letzten oder diesem Jahrhundert, sich in das Gedächtnis gebrannt haben, was hätte man wohl für Antworten bekommen ?

Die Weltwirtschaftskrise in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts, der Zweite Weltkrieg, der Mauerfall, den 11.September 2001oder die Kriege in Afghanistan und dem Irak ? Vielleicht hätten einige Männer auch die Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland genannt.

Stellt man diese Frage jedoch jetzt oder in 12 Monaten, bin ich mir sicher das viele, wie aus der Pistole geschossen sagen, das es die Weltwirtschaftskrise 2008/2009 ist. 

Eine Krise die aufgrund von Habgier, Überheblichkeit und grundlegenden Fehlern im System ausgelöst wurde. Bis jetzt sind 30 Billionen US Dollar vernichtet worden und dazu kommen wohl noch 996 Milliarden in den Büchern der Banken, die noch abgeschrieben werden müssen. 

Stabiles Geld und ein funktionierendes Geldsystem sind die Grundlagen unseres Lebens. Wir arbeiten für Geld, erfüllen damit die Bedürfnisse des Lebens, gönnen uns damit allerlei Angenehmes, tätigen damit unsere Geschäfte, sparen für die Zukunft und vieles mehr. Und wir vertrauen darauf, dass es so weiter geht.

Das Geld selbst ist bei weitem nicht so solide und stabil, wie wir annehmen, doch erstaunlicherweise ist das Wissen und Bewusstsein darüber ziemlich gering. 

Unsere Obrigkeit nutzt dies weidlich aus und fährt einen Harakirikurs in Sachen Geld, dass es einem schlecht werden muss. Aufgrund dieser allgemeinen Unwissenheit und mangelnden Bildung auf diesem Gebiet konnte unser Geldsystem an den Abgrund gebracht werden.

Die Annahme, dass wir über stabiles Geld und eine intakte Weltwirtschaft verfügen, ist, meiner Meinung nach, leider falsch. Denn die Basis unseres Systems ist auf Papier gebaut. Unser heutiges Geld besteht überwiegend aus ungedecktem Papier oder aus elektronischen Guthaben, deren Substanz ebenso instabil ist. Die Geldmenge wird ständig und immer schneller erweitert. Diese Zahlungsmittel haben weder inneren Wert wie z. B. Edelmetalle, noch eine vollständige Deckung durch Produkte. Heute arbeitet man mit einer Teilwertdeckung, was bedeutet das unser Geld lediglich zu einem kleinen Teil von ca. 10% durch andere Werte gedeckt ist. Eine Teilwertdeckung ist eigentlich Betrug. Jedoch ist dieser Betrug heute in fast allen Staaten der Erde gebräuchlich.
Früher gab es Münzen aus Gold und Silber und weil größere Beträge schwer zu transportieren waren und die Transportwege zum Teil unsicher, wurde das Geld in Schatzkammern eingelagert und dafür gab es Einlagerungsscheine. Diese Scheine wurden von den Bürgern für Tauschgeschäfte untereinander verwendet. Das waren also die ersten Geldscheine. Die einlagernden Stätten erkannten rasch, dass nie alle Metallbesitzer gleichzeitig ihr Gold bzw. Silber abholten und gaben daher mehr Hinterlegungsscheine aus, als tatsächlich Metalle eingelagert waren, für die sie dann Gebühren erhoben - Gewinne aus dem Nichts, ein wahrhaft verlockendes Geschäft. In Fällen, in denen Menschen dies mitbekamen oder wenigstens Angst um den Wert dieser Scheine hatten, kam es zu Panik, und die Leute holten ihre hinterlegten Werte ab. Dies war dann das Aus für den Verleiher.

Heutzutage ist es keinen Deut anders. Die Notenbanken geben immer mehr ungedecktes Geld aus und verschlechtern somit ständig das Verhältnis von Geldmenge zu den vorhanden Waren und Dienstleistungen. Im EU-Raum steigt die offizielle Geldmenge jährlich um knapp 10%; in den USA noch stärker. Seit dem Frühjahr 2007 geben die USA die aktuellen Daten zur Geldmengensteigerung nicht mehr bekannt. 

Diese Erhöhung der Geldmenge zieht gravierende und nicht vorhersehbare Folgen für alle Menschen und die Wirtschaft nach sich. Übermäßig steigende Lebens-haltungskosten sind eine Sache, verschiedene Preis- und Spekulationsblasen sowie Fehlinvestitionen im großen Stil, die andere. Da es sich bei der jetzigen Geldmengenerhöhung um eine nie da gewesene Geldschwemme handelt, kann kein Mensch sagen, was das für Folgen hat. Die global vernetzte Wirtschaft und die enormen weltweiten Anlagemöglichkeiten absorbieren die neu geschaffene Geldmenge natürlich eine Zeit lang, aber was passiert wenn das Fass überläuft ?

Im zweiten Halbjahr 2008 haben wir einige große Pleiten wie die der 
Lehman Brothers oder Washington Mutual (größte Sparkasse in den USA) 
gesehen, und ganze oder teilweise Verstaatlichungen von Banken und 
Finanzinstituten wie Fannie Mae, Freddie Mac, AIG, oder Fortis. Es gab Megafusionen und Übernahmen wie die von Merrill Lynch durch die Bank of America. Es gab große Bankenrettungen wie zum Beispiel in Deutschland mit knapp 30 Mrd. für die Bayerische Landesbank und bereits über 100 Mrd. Euro für die Hypo Real Estate, die sich als ein Fass ohne Boden erweist. In der Schweiz wurde die USB mit 65 Mrd. Euro vom Schweizer Staat gerettet und in England der größte 
Immobilienfinanzierer. Im Rahmen großer Rettungspakete wurden in den
USA, in Deutschland, der Schweiz, Österreich, Großbritannien und anderen 
Ländern unvorstellbar hohe Geldbeträge in strauchelnde Institute gepumpt, 
so dass viele Länder und Notenbanken an ihrer Belastungsgrenze 
angekommen sind.

Sicht- und spürbar wurde die Finanzkrise durch den Zusammenbruch des amerikanischen Immobilienmarktes. Viele sehen darin die Ursache der Finanzkrise, was, meiner Meinung nach, falsch ist. Dies war vielleicht der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Es ist nicht zu vermessen, zu sagen, dies sei die gerechte Strafe für die vorangegangenen geldpolitischen Sünden der USA. Immerhin waren die USA das Land, in dem das Geschäftsgebaren des leichten Geldes am extremsten ausuferte und wirtschaftlich völlig irrationale Dimensionen annahm. Ausgelöst wurde die jetzige Gefahr unter anderem von den verantwortungslosen Finanzjongleuren der Wall Street. Sie kreierten immer neue Finanzprodukte, wovon besonders eine Entwicklung die Welt in die Krise stürzte: Sie entkoppelten die Verantwortlichkeit der Geldgeber von den Risiken der ausgegebenen Darlehen, indem diese sofort an Investoren verkauft wurden. Sprich, die Bank XYZ vergibt ein Darlehen an einen Hauskäufer und verkauft den Kreditvertrag sofort an Anleger weiter. Dies geschah in gebündelten Wertpapieren, in denen Tausende an Verträgen kombiniert wurden. Diese Praxis bedeutete, dass es für die ausgebende Bank nicht wirklich relevant war, die Bonität des Darlehensnehmers mit der üblichen kaufmännischen Sorgfaltspflicht gründlich zu prüfen, denn sie waren die Verpflichtung ja schnell wieder los. Dies führte dazu, dass nahezu jedem Bürger ein Darlehen gegeben wurde. Es gibt Berichte in denen Menschen, wie beispielsweise ein eingewanderter mexikanischer Hilfsarbeiter, mit einem Jahreseinkommen von 25.000,--Dollar eine Finanzierung für ein Haus über 700.000,-- Dollar bekam. 
Es entstand ein ungeheurer Darlehensboom und die Banker verdienten sich dumm und dämlich, ohne ein nennenswertes Risiko, denn die Darlehen samt Risiko sind schnell zu den Investoren gewandert.

Der Aufschwung der US-Wirtschaft in den letzten Jahren basierte hauptsächlich auf Schulden, vorwiegend Konsumentenschulden. Darlehen, die größtenteils über künstlich steigende Immobilienpreise finanziert wurden. Viele amerikanische Verbraucher stockten die Hypotheken ihrer vorhandenen Immobilien im Rahmen 
steigender Immobilienpreise immer wieder auf. Hatten sie keine Häuser, so erwarben sie welche und die Finanzinstitute gaben den Käufern höhere Kredite als die realisierbaren Kaufpreise. Mit diesem überschüssigen Geld gingen die Amerikaner fröhlich einkaufen. 

Das fröhliche „Reichtum-aus-dem-Nichts-Spiel“ der Amerikaner ging so 
lange gut, wie die Immobilien im Wert immer weiter stiegen. Begünstigt und 
gefördert wurde dies durch das niedrige Zinsniveau der amerikanischen 
Notenbank. Das billige und in immer größeren Mengen verfügbare Geld 
feuerte den Immobilienmarkt förmlich an und trieb die Preise nach oben, 
denn mehr Geld bei gleich bleibender Warenmenge ergibt höhere Preise. 
Ein Perpetuum Mobile, eine Art Gelderzeugungsmaschine aus dem Nichts, 
die natürlich nur so lange funktioniert, wie es gemäß dem Börsenspruch 
noch einen Dümmeren gibt, der einen höheren Preis bezahlt. In den USA ist 
es üblich, solche Darlehen ohne Zinsfestschreibung abzuschließen und in 
den letzten Jahren wurden wie gesagt viele dieser Darlehen an Schuldner 
mit schlechter Bonität vergeben. Als die Zinsen zu steigen 
begannen, konnten viele einkommensschwache Eigenheimbesitzer die 
höheren monatlichen Raten nicht mehr bedienen und kamen in 
Zahlungsverzug, denn der Finanzrahmen bei Geringverdienern ist sehr 
knapp und eine Zinserhöhung stellt leicht eine große Gefahr dar.

Die Investoren erwarben diese Darlehen, weil dafür höhere Renditen als für 
andere Anlagearten versprochen wurden. Das hat für die Käufer nun 
gravierende Folgen: Die Erwerber - andere Banken, Stiftungen, 
Pensionsfonds, Versicherungen etc. - müssen erkennen, dass sie ihr Geld 
oder das ihnen anvertraute Vermögen in Schrott angelegt haben. 
Aktuelle Zahlen besagen, dass diese Wertpapiere nur noch zwischen 20 
und 70% - oder manche sogar nichts mehr - wert sind. Für manche kann
man gar keinen Marktwert festlegen. 


Interbankensystem: 

Die andere Folge erleben wir seit knapp über einem Jahr: Das Interbankensystem ist zusammengebrochen. Damit ist die Geldverleihung der Banken untereinander gemeint. Seit dem Ausbruch der Krise leihen sich die Institute gegenseitig kaum Geld. Das Misstrauen untereinander wurde so groß, da die Banken ihre Risiken so 
lange und so gut es ging verschwiegen haben. Sie arbeiteten dabei mit 
allen Möglichkeiten, die das Gesetz und verschiedene Bilanztricks bieten. 
Diese Verleihungen unter den Banken kamen ab dem Herbst 2007 völlig 
zum Erliegen. Das zwang und zwingt die Notenbanken und Regierungen zu 
immer drastischeren Maßnahmen. Nur dadurch wurden Bankenzusammenbrüche vorläufig noch verhindert. Die Rettungspakete und der G7 Gipfel in Washington waren nötig, weil das Bankenvertrauen weiterhin nachhaltig gestört ist. 

Wenn eine Bank befürchtet, dass sie das verliehene Geld nicht mehr bekommt, wie soll dann ein normaler Sparer sein Geld beruhigt auf der Bank liegen lassen? Das Grundübel ist, dass die Banken, die ja das Rückgrat der Wirtschaft darstellen, mehr oder weniger große Posten im Portfolio haben, die sie jetzt enorm im Wert berichtigen müssen.
Das gesamte weltweite Wertberichtigungsvolumen mag ein bis zehn Billionen Dollar erreichen oder übersteigen. Nach den vorgenannten „Verpackungskünsten“ weiß niemand genau, wie und wo dieses Risiko gestreut ist. Was sich hier recht harmlos 
anhört, bedeutet im wirklichen Leben, dass die Banken Beträge in der Größen-ordnung von einigen hundert Millionen bis einigen Milliarden abschreiben müssen.


Konjunkturpakete

Seit Monaten hören wir immer wieder von großen Rettungspaketen zur 
Bewältigung der Finanzkrise oder zum Ankurbeln der Konjunktur.
Hierzu muss man sich die Ist-Situation der Bundesrepublik vor Augen 
führen: Die offizielle Staatsverschuldung der Bundesrepublik weist Ende 
2008 knapp 1,6 Billionen Euro auf. Dazu kommt die implizierte 
Staatsverschuldung (Verpflichtungen für die Beamten, für die Sozial- und 
Rentenkasse etc.), für die keine offiziellen Zahlen bekannt gegeben werden. 
Sie werden jedoch auf ungefähr das Vierfache der offiziellen 
Staatsverschuldung geschätzt. Somit dürfte die Gesamtverschuldung der 
BRD ca. 7,6 Billionen Euro betragen. Dies alleine zeigt, dass eine weitere 
Verschuldung nie und nimmer vorgenommen werden darf bzw. eigentlich 
schlicht und einfach unmöglich ist. Dennoch wird es fleißig gemacht.
Der Staat muss bereits heute ca. jeden siebten Euro für Zinszahlungen 
ausgeben. 
Addiert man nun die Rettungsmaßnahmen der Merkelregierung und die 
Risiken verschiedener Banken in Deutschland zusammen, so nähern wir 
uns erschreckend rasch einer Billion Euro. In anderen Ländern ist dies 
keinen Deut anders. Die USA dürften mit allen Verpflichtungen bei einer 
Staatsverschuldung von knapp 50 Billionen Dollar stehen. Dies bedeutet, 
dass sehr viele Staaten den direkten Weg zum Staatsbankrott gehen.  


Europa und der Euro

Genauso gut könnte die enorme Staatsverschuldung des weltweit am dritthöchsten verschuldeten Landes, Italien, oder der Defizitländer Frankreich, Portugal, Irland, Belgien, Griechenland den Euro in ernsthafte Schwierigkeiten bringen. Bereits Anfang 2009 müssen diese Länder für Ihre Anleihen bis zu 3% höhere Zinsen bezahlen und es wird bereits über eine Europaanleihe diskutiert. Dies bedeutet nichts anders, als dass die starken Länder letztendlich für die Schwachen die Zeche zahlen müssen. Daher stellt sich die Frage mehr denn je, wie lange ein künstliches Gebilde wie die EU mit solchen Schwachpunkten überleben kann? Eine Kette ist bekannter Maßen so stark wie ihr schwächstes Glied. Die
Bundesrepublik ist durch die Mitgliedschaft in der EU in eine Föderation eingebunden und trifft viele Entscheidungen schon lange nicht mehr selbst. Daher sind wir zu einem gewissen Maße von anderen abhängig. Die EU kränkelt unter anderem an nationalen Egoismen, und so erscheint es als sehr wahrscheinlich, dass die einzelnen Länder ihr eigenes Wohl höher schätzen als den Bestand der EU. Man sieht es an der französischen Haltung, die vor Egoismus strotzt. Vor der Einführung des Euro konnten Länder mit Haushaltsdefiziten und Wettbewerbsproblemen ihre Währung einfach abwerten, um diese Probleme zu lösen. Das geht jetzt nicht mehr
und setzt diese Länder unter sehr großen Druck. Ein Ausscheren aus dem Euro, das beispielsweise einzelne italienische Politiker schon länger fordern, ist nicht auszuschließen. Die Frage ist, wie solch eine Neuordnung ablaufen würde. Welche Verluste bringt dies? Birgt es das Risiko kriegerischer Auseinandersetzungen in Europa? Welche wirtschaftlichen Auswirkungen ergäben sich daraus?

In östlichen Gebieten der Europäischen Union gibt es u. a. in Polen, Ungarn, Bulgarien und Rumänien ähnliche Spekulationsblasen. Davon ist besonders Österreich und die Schweiz betroffen, weil deren Banken sehr viele Darlehen in diese Region vergeben haben und dort noch nicht abschätzbare Milliardenbeträge verlieren werden. Gefahrenpunkte, wo man hinsieht. Es ist ein Wunder, dass es bisher noch nicht zu einem Zusammenbruch gekommen ist.
Wenn man sich dies alles vor Augen führt, kommt man zwangsläufig zu der
Schlussfolgerung: 

Die Party ist vorbei!



Zum Schluss möchte ich noch drei Dinge bemerken:

1. Es ist nicht wahr, dass man als kleiner Mann/Frau nur die Hände in den Schoss legen kann und warten muss, was „die da oben“ entscheiden. Es gibt immer die Möglichkeit, in seinem kleinen Wirkungskreis etwas zu tun und zu erreichen.

2. Um etwas bewirken zu können, muss man bereit sein, über Parteigrenzen oder ideologische Gräben hinweg zusammenzuarbeiten. Das wird Kompromisse einfordern, die aber immer besser sind als sich quasi wehrlos den Krisenerscheinungen auszuliefern. 

3. Auch wenn uns der derzeitige Raubtierkapitalismus einreden möchte, das der Mensch ein Wesen ist, das Kampf, gnadenlosen Wettbewerb und Konkurrenz sucht glaube ich, das der Mensch auch ein Wesen ist, in dem solidarisches Handeln und Mitmenschlichkeit angelegt sind. Das anzusprechen und zu entwickeln ist eine große Aufgabe, der es sich immer wieder neu zu stellen gilt.

Ulrike Dierkes-Morsy